Die Denkmalretter
Im York-Quartier beginnt ein neues Kapitel: Während in den vergangenen Jahren vor allem Neubauten entstanden sind, rückt jetzt die Sanierung der denkmalgeschützten Kasernengebäude in den Mittelpunkt der Entwicklung.
Wie lässt sich der historische Bestand in modernen Wohnraum verwandeln, ohne dabei dessen Charakter zu verlieren? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Architekten Peter Bastian und Piet Fröhlich. Im Teilquartier Yorkpark begleiten sie gleich mehrere solcher Transformationen: Auf drei Baufeldern entwickeln drei Investoren die Gebäudezeile südlich des Exerzierplatzes weiter. Dass daraus kein Nebeneinander einzelner Projekte wird, sondern ein zusammenhängendes Ensemble, liegt auch daran, dass alle Vorhaben vom selben Architekturbüro geplant werden. Insgesamt entstehen in sechs denkmalgeschützten Gebäuden und drei Neubauten 242 Wohneinheiten.
Sanierung lohnt sich
Die Analyse der Backsteinbauten aus den 1930er-Jahren – ein Lehrgebäude, ein Kompanieführerhaus und vier Mannschaftsgebäude – brachte für die Architekten eine erfreuliche Erkenntnis: Die Bauqualität der Gebäude ist außergewöhnlich hoch. Obwohl die Häuser nach KfW-Denkmalstandard saniert werden, kann ein großer Teil der vorhandenen Bausubstanz erhalten werden. Das zweischalige Mauerwerk erlaubt etwa eine moderne Einblasdämmung, ohne die historische Klinkerfassade zu verändern. Vieles, was andernorts ersetzt werden müsste, kann hier weitergenutzt werden. „Ich denke, das war auch ein Grund, warum sich unser Entwurf durchgesetzt hat“, sagt Peter Bastian. „Wir haben so wenig wie möglich von der ursprünglichen Gebäudesubstanz verändert.“ Die Dachstühle etwa sind in bemerkenswert gutem Zustand. Zwar müssen die Dächer für die notwendige Dämmung vollständig abgedeckt werden, die historische Zimmermannskonstruktion bleibt jedoch bestehen. „Mein Bauschadensprofessor in Aachen hat einmal gesagt, dass die Bauqualität der 1930er-Jahre erst Mitte der 1980er wieder erreicht wurde“, erinnert sich Bastian. „Wenn man sich die Konstruktionen hier anschaut, kann man das durchaus nachvollziehen.“
Schichten freilegen
Bei der Sanierung geht es nicht nur um den Erhalt der Gebäude, sondern auch darum, ursprüngliche Qualitäten wieder sichtbar zu machen. So werden Natursteinsockel und Treppenanlagen erneuert und spätere Veränderungen zurückgebaut. In den Eingangsbereichen sollen beispielsweise alte Betonwerksteinböden wieder sichtbar werden, die zwischenzeitlich unter Kautschukböden verschwunden waren. „Alle tragenden Wände bleiben bestehen“, erklärt Piet Fröhlich. Die ehemaligen Mannschaftszimmer boten Platz für acht bis zehn Soldaten und waren entsprechend großzügig geschnitten. „Deshalb können wir die neuen Grundrisse sehr gut innerhalb der bestehenden Struktur entwickeln.“ So werden beispielsweise ehemalige Zimmerfluchten mit drei hintereinanderliegenden Räumen neu organisiert: Die äußeren Räume bleiben als Wohn- oder Schlafräume erhalten, während der mittlere Raum in zwei moderne Bäder geteilt wird. Gleichzeitig werden die Gebäude behutsam an heutige Anforderungen angepasst. Aufzüge sorgen künftig für Barrierefreiheit, ebenso wie neue Rampen an den Eingängen.
Britisches Flair
Für die denkmalgeschützten Mannschaftsgebäude entwickelten die Architekten einen gemeinsamen Gestaltungsbaukasten. Vor allem aber sollte sichergestellt werden, dass neue Elemente wie Balkone, Dachgauben oder Eingänge überall nach denselben gestalterischen Prinzipien umgesetzt werden und sich harmonisch in das historische Ensemble einfügen. Inspiration lieferten unter anderem englische Townhouses, wie sie etwa im Londoner Stadtteil Kensington zu finden sind. Deren charakteristische Eingangsbereiche mit kleinen Balkonen und Überdachungen standen Pate für die sogenannten Altane, die künftig die Fassaden der Bestandsgebäude ergänzen. So entsteht ein neues, wiederkehrendes Fassadenmotiv, das dem Bestand zusätzliche Wohnqualität gibt und die Gebäude über die drei Baufelder hinweg optisch verbindet.
Auch bei diesen Ergänzungen bleibt Zurückhaltung das Leitmotiv. Fenster werden behutsam vergrößert, um mehr Licht in die Wohnungen zu bringen. Neue Bauteile werden in weißem Stahl ausgeführt und fügen sich in die bestehende Farbwelt ein. „Wir versuchen, die Farbpalette möglichst wenig zu verändern“, sagt Fröhlich. „Unten der helle Naturstein, darüber der dunkle Klinker und darin die weißen Fensterrahmen – da fügen sich unsere Altane ganz selbstverständlich ein.“
Vom Mikroapartment bis zum Townhouse
Künftig werden die Gebäude unterschiedliche Wohnformen beherbergen. In den Häusern 8 bis 10 entstehen vor allem kleinere Wohnungen und Mikroapartments für Studierende, Auszubildende und Alleinstehende – eine Nutzung, die der ursprünglichen Funktion der Mannschaftsgebäude erstaunlich nahekommt. Gebäude 11 wird dagegen größere Wohnungen und Townhouses für Familien aufnehmen. Das ehemalige Lehrgebäude hebt sich mit seinem markanten Fachwerkgiebel architektonisch leicht von den benachbarten Gebäuden ab. Wie die ursprünglichen Seminarräume werden auch die zukünftigen Wohnungen großzügiger ausfallen. In den Gebäuden 12 bis 14 entstehen ebenfalls familiengerechte Wohnungen. Die Neubauten ergänzen das Angebot um moderne Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen. Damit diese sich selbstverständlich in das Ensemble einfügen, greifen sie Materialität und Maßstab der historischen Nachbargebäude auf. Verwendet wird dabei derselbe Abbruchklinker, der bereits bei der benachbarten Kita genutzt worden ist.
Leben im Yorkpark
Parallel zur Hochbauplanung werden die Außenanlagen entwickelt. Das Ziel: ein zusammenhängender grüner Parkraum. Private Gärten sind nicht vorgesehen, stattdessen erhalten einige der Erdgeschosswohnungen geschützte Terrassen, die durch bestehende Buchsbaumhecken eingefasst werden. Auf oberirdische Stellplätze zwischen den Gebäuden wird bewusst verzichtet: ein wichtiges Anliegen der Denkmalpflege, um den Parkcharakter des Ensembles zu bewahren. Die notwendigen Stellplätze entstehen an anderer Stelle im Quartier.
Einzug schon ab 2027
Sobald die Baugenehmigungen erteilt sind, geht die Umsetzung schnell: Die Architekten rechnen mit einer Bauzeit von etwa zwölf bis 16 Monaten. Bereits ab Sommer 2027 könnten die ersten Bewohner:innen in die ehemaligen Mannschaftsgebäude einziehen. Vieles wird dann neu sein: die Nutzung, die Grundrisse und die Menschen, die hier leben. Die Geschichte des Ortes bleibt dennoch ablesbar: in der Reihung der Gebäude, den Backsteinfassaden und den parkartigen Freiräumen des Yorkparks. Für die Architekten ist genau dieses Zusammenspiel aus Bewahren und Weiterentwickeln der Schlüssel zum Projekt. „Wir arbeiten immer so lange an einem Entwurf, bis wir sagen, dass wir selbst einziehen möchten“, sagt Piet Fröhlich. Denn am Ende soll nicht nur ein Denkmal erhalten werden, sondern ein Ort entstehen, an dem Menschen gerne leben.
Mehr zu den Baufeldern:
D5 West (Asset Münster Grundbesitz GmbH)
D5 Mitte (Nabbe Generalbau GmbH)
D5 Ost (Phoenix Living GmbH)