York macht Schule
Aufgeregtes Kinderlachen hallt durch die neuen Räume, stolz halten Schulanfänger:innen ihre Schultüten hoch und die ersten Kinder gehen auf Entdeckungsreise auf den neuen Schulhof. Mittendrin am 27. August: Melle Ludwig, die Schulleiterin der neuen Grundschule York. Dieser Mittwoch ist gleich mehrfach ein ganz besonderer Tag, denn es findet eine dreifache Einschulung statt. Für viele der insgesamt 64 Kinder ist es der allererste Schultag, der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Die Hälfte der Kinder starten hier an einer neuen Schule in einer höheren Klasse. Sogar für das Gebäude selbst ist es der erste Tag und auch für das Team beginnt hier ein neues Kapitel. Die vierzügig angelegte Grundschule bietet seit diesem Sommer im wachsenden Stadtteil Gremmendorf Platz für rund 450 Schüler:innen. Der Prozess der Neugründung wird von Melle Ludwig und Konrektor Dominik Sacha, mit einer großen Portion Sachverstand und Herzblut orchestriert.
Frau Ludwig, Sie bringen eine Menge Erfahrung aus verschiedenen Grundschulen mit. Ist daraus der Wunsch entstanden, eine eigene Schule zu gründen?
Eine Neugründung ist ja ein sehr seltener Fall. Die Anfrage wurde an mich zu einem Zeitpunkt herangetragen, an dem ich selbst nicht daran gedacht habe. Ich habe aber in den unterschiedlichen Systemen schon gemerkt, dass ich immer wieder an Stellen hadere, die ich innerhalb der bestehenden Strukturen nur bis zu einem gewissen Grad ändern kann.
Welche Stellen waren das, an denen Sie gehadert haben?
Das war immer dort, wo Kinder nicht ins Raster passen. Ich nenne sie gerne die besonderen Kinder: entweder ist das Tempo zu langsam oder viel zu schnell, manche sind kognitiv sehr weit, aber die sozial-emotionale Reife fehlt und wieder andere haben viel Stress zu Hause. Diese Kinder liegen mir besonders am Herzen. Es sind aber auch diese Kinder, die auffallen, die das System strapazieren und die es anstrengend für das Kollegium machen. Da sehe ich meine Schlüsselrolle: für die Gesundheit der Mitarbeitenden – von den Lehrkräften bis zu den Schulbegleitern – aber ganz besonders auch, für die Kinder zu sorgen. Was für diese Kinder besonders schwierig ist, ist die klassische Klassenstruktur: Ein Kind mit Fluchterfahrung, das die Sprache noch nicht kann, kann unmöglich in Klasse 1 starten, wenn es vom Alter und der Reife schon viel weiter ist. Was ist mit jemandem, der in Mathe schon viel mehr kann? Schicke ich ihn als Gast in eine andere Klasse? Das sorgt nicht nur für Unmengen von Absprachen und Organisation unter den Lehrkräften, sondern bedeutet immer auch Unruhe fürs Kind, es fühlt sich keiner Gruppe richtig zugehörig. Dabei brauchen Kinder unbedingt stabile Bindung.
Was machen Sie jetzt hier in der Grundschule York anders?
Wir haben jahrgangsgemischte Lerngruppen, in denen die Kinder drei, vier oder fünf Jahre verbleiben – je nachdem, wie lange sie brauchen. Und wir Lehrkräfte gucken von Woche zu Woche, was die Kinder brauchen, um gut mitzukommen. Welche Unterstützung, welche Materialien, welche Ressourcen benötigen sie und wie können wir ihre Talente fordern und fördern? Jedes Kind erhält einen individuellen Lernplan, den es in den zwei Stunden freier Lernzeit pro Tag bearbeitet. Dann ist es gar kein Problem mehr, wenn ein Kind z. B. in Mathe schon ein bisschen weiter ist und in Sprachen ein bisschen hinterher.
Es gibt also keinen klassischen Frontalunterricht? Wie sieht so ein Tag an der Grundschule York dann aus?
Wir starten schonmal anders als jede andere Schule in Münster. Die jüngeren Kinder aus Lernjahr 1 und 2 starten bei uns mit einer Betreuungszeit, damit der Übergang von der Kita weich gelingt. Sie sollen hier erstmal in Ruhe ankommen und sich ohne Zeitdruck von den Eltern lösen. Die älteren Kinder starten mit Fachunterricht. Danach frühstücken alle gemeinsam in den Lerngruppen. Dann folgt die freie Lernzeit für Deutsch und Mathe. Die übrigen Fächer bündeln wir in Projektzeiten von vier bis fünf Wochen – fächerübergreifend und interreligiös. Wir möchten keine Themen runterrattern, sondern in die Tiefe gehen. Zum Beispiel kann das das Thema Herbst sein, und wir schauen, was dazu aus Religion oder Sachunterricht passt.
Der Segen bei der Einschulung war auch interreligiös. Welche Rolle spielt das Thema?
Uns ist das Thema sehr wichtig. Damit der Religionsunterricht mit einem interreligiösen Blick stattfinden kann, habe ich Kontakt zu Menschen in der Schulabteilung des Bistums hergestellt. Mit ihnen werden wir den Austausch zur muslimischen Gemeinde aufbauen. Aber nicht nur die Kinder, auch unser Team ist interreligiös: Wir haben Menschen, die Kopftuch tragen, aber auch welche, die mit Religion gar nichts am Hut haben. Mich hat es auch sehr gefreut, dass Florian Schulz von der Pfarrgemeinde die Wünsche aus dem Kollegium aufgenommen hat und wie schön er den interreligiösen Segen gestaltet hat. Nicht nur die religiöse, auch die kulturelle Vielfalt ist uns wichtig: Bei der Einschulung haben wir sogenannte Mutmach-Murmeln zum Ausmalen und Beschriften an die Geschwisterkinder, Eltern und Großeltern verteilt. Die haben wir extra in verschiedenen Sprachen vorbereitet und es war wirklich toll, dass viele ihre Wünsche in ihrer Heimatsprache aufgeschrieben haben. Wir wollen zeigen: Die Verschiedenartigkeit, das Bunte hier ist gewünscht.
Die Architekten von hehnpohl architektur haben die Gestaltung der Schule von der Fassade über die Gliederung in Cluster bis zum großen Forum, in dem die Einschulung stattfand, bis ins Detail durchdacht. Spüren Sie das im Schulalltag?
Die Architektur ist ein Traum. Ich habe selten eine Architektur gesehen, die so passgenau für individuelle pädagogische Konzepte ist. Sie bietet uns alle Möglichkeiten. Ganz abgesehen davon, dass ich sie auch traumhaft schön finde. Es ist hier an alles gedacht: genug Büros für die unterschiedlichen Professionen, die Mensa, die vier Cluster mit ihren multifunktionalen Räumen.
Architekt Marc Hehn sprach davon, dass das Gebäude Vertrauen ausstrahlen sollte. Es ist ein Neubau, aber die Steine sind alt. Und auch auf dem Schulhof steht ein alter Baum…
Als ich von dem Baum hörte, um den herum hier alles gebaut wurde, fühlte es sich so an, als ob sich alles zusammenfügen würde. Denn für mich war schon vorher klar, dass das Symbol Baum eine wichtige Rolle für diese Schule spielen soll: Als Baum des Lebens zeigt er das Wachstum an, die Fähigkeiten, die aus den Wurzeln heraus bis in die Blätter wachsen. Gemeinsam mit Herrn Sacha hatten wir direkt Ideen zur Umsetzung der Ich-kann-Ziele in Blätterform, die den Kindern und ihren Eltern die Fortschritte transparent machen. Es war, als hätten wir mit dem Architekturbüro kommuniziert. Das war schon fast magisch. Der York-Baum ist jetzt unser Symbol der Schule.
Was bedeutet es, eine Clusterschule zu sein?
Wir haben von 8 bis 16 Uhr geöffnet: Schule und Offene Ganztagsschule (OGS) wird bei uns als Einheit betrachtet. In jedem der vier Cluster gibt es vier Lernräume und zwei OGS-Räume, die alle gleich ausgestattet sind. Der einzige Unterschied: In den OGS-Räumen steht ein Sofa, in den Lernräumen gibt es einen Sitzkreis aus verschiebbaren Würfeln, die zugleich Stauraum und fester Platz für jedes Kind sind. Jedes Cluster hat zudem eine pädagogische Mitte mit einem gemütlichen Zelt und Bücherregal. OGS- und Lernräume sind durch eine dicke Tür trennbar, sollen aber gemeinsam genutzt werden. So haben die Kinder in der freien Lernzeit volle Wahlfreiheit, wo sie arbeiten möchten. Große Glasscheiben sorgen für Einsehbarkeit und damit Aufsichtspflicht – auch aus Brandschutzgründen. Und auch am Nachmittag werden die Lernräume von der Betreuung genutzt. Das fördert gemeinsame Verantwortung und viel Flexibilität: ein Raum als Ruheraum, ein anderer fürs Basteln, ein weiterer für die Kugelbahn. Kinder und Team entscheiden vieles gemeinsam – das stärkt Eigenständigkeit und Kooperation. Aber auch für die Mitarbeitenden ist gesorgt: Jedes Cluster verfügt über ein Teamzimmer, in dem alle Beteiligten ihr Fach und die Möglichkeit zum Arbeiten haben. Im Erdgeschoss gibt einen eine gemeinsame Teamstation für alle, die wir Dank des Schulträgers besonders ausstatten durften: eine Chillecke mit Sofas, Sesseln und Barhockern – ein Rückzugsort für Pausen, nicht für Besprechungen. Selbstverständlich gehören dazu auch Praktikant:innen und Schulbegleiter:innen, die lange Tage haben. Ein weiterer großer Vorteil der Architektur, dass wir den Raum dafür haben. Langfristig werden wir 16 Klassen und damit ein sehr großes Team haben, umso wichtiger ist ein Ort, wo Begegnung und Austausch stattfinden kann.
Auch das Thema Inklusion spielt bei der Grundschule York eine große Rolle. Wie wirkt sich das aus?
Wenn wir Kinder, die eine Behinderung haben, wirklich integrieren wollen, können wir nicht sagen: Ihr gehört zwar zur Klasse, aber nur dieser eine Raum ist auf eure Bedürfnisse ausgerichtet und ist für euch verständlich. Deshalb verwenden wir unter anderem konsequent im ganzen Gebäude und in der Kommunikation nach außen Beschriftungen mit Metacom-Symbolen. Diese Symbole sind total wichtig, weil es für jede Handlung, jede Zeit und jeden Ort ein Symbol gibt, das ganz leicht und eindeutig ist: heute, morgen, gestern, Frühstück, Projektzeit, Pausenzeit. Die Architekten waren gemeinsam mit uns bei einem Grafiker und haben überlegt, wie wir mit Metacom-Symbolen die komplette Beschilderung für die Schule machen können. Letztendlich hilft das ja nicht nur Kindern in der Intensivpädagogik, sondern schafft für jedes Kind Klarheit.
Was wird Gremmendorf davon mitbekommen, dass es jetzt eine weitere Grundschule hat?
Herrn Sacha und mir ist Vernetzung mit dem Stadtteil ein ganz wichtiges Anliegen. Deswegen haben wir schon früh unsere Fühler nach Gremmendorf ausgestreckt. Ich bin z. B. Gründungsmitglied im Zentrenbeirat. Unser schönes Forum soll ein Versammlungsort für ganz Gremmendorf werden. Man kann es mit dem Musikraum und der Mensa erweitern und alle Bereiche sind mit Leinwand und Mikros versorgt. Geplant ist schon, dass der Tag des Ehrenamts am 14. November hier stattfindet. Wir freuen uns riesig, dass die Grundschule ein zentraler Ort in Gremmendorf wird und dass wir dazu mit vielen Kooperationen mit dem Stadtteil beitragen.
Welche Kooperationen haben Sie geplant?
Ganz viele und vielfältige! Ich bin schon im Kontakt mit der Westfälischen Schule für Musik, weil wir hier einen großartig ausgestatteten Musikraum haben, in dem wir ein Angebot für den Stadtteil schaffen können. Langfristig würde ich hier gerne einen Kinder-Chor etablieren. Zusätzlich schaffen wir Kooperationen zu therapeutischen Einrichtungen, sodass ein guter Austausch mit Lernförderung, Ergotherapie und Logopädie entsteht. Auch Kitas sind ein ganz wichtiger Kooperationspartner: Irina Thieme, die Leiterin der Kita St. Hilda, hatte uns als hier noch Baustelle war zur Schulanmeldung eine Woche lang ihr Büro zur Verfügung gestellt. Das sind Dinge, die nicht selbstverständlich sind. Kitas können auch immer sehr gerne Räumlichkeiten bei uns nutzen.
Es gibt auch Kooperationen über den Stadtteil hinaus: Wir haben es geschafft, die Kooperation mit dem Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung NRW im Fachbereich Sport aufzubauen. Die Lehramtsanwärter:innen können in unserer Sporthalle das, was sie sich theoretisch überlegt haben, am lebenden Objekt testen. Ich habe viele Kinder aus dem offenen Ganztag, die sich gerne dafür zur Verfügung stellen. Das ist ein Win-Win für alle. Ich kann mir aber noch viel mehr Kooperationen vorstellen: mit Sportvereinen oder mit Altenheimen für Vorlese- oder Spielenachmittage mit älteren Menschen.
Die Schule öffnet sich also sehr nach außen. Das sieht man ja auch schon ein bisschen am Schulhof, der sich in den Kasinopark hinein öffnet.
Ich freue mich ganz besonders auf die Angebote im zukünftigen Bürgerhaus, im Kasino, da werden sicher viele Begegnungen stattfinden. Auch mit der Kita nebenan, die für ihre älteren Kinder auch ein teiloffenes Konzept in den Park hinein hat. Und wenn der offene Ganztag beendet ist, ist unser Spielplatz für alle Kinder öffentlich. Da gibt es keine starre Begrenzung.
Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?
Ich sprühe gerade vor Begeisterung: Ich habe seit anderthalb Jahren diesen Traum im Kopf, den ich gemeinsam mit Herrn Sacha ausgefeilt habe. Und jetzt gehen wir gerade mit diesem Team diesen Traum an – und es funktioniert alles so unfassbar gut und greift ineinander. Was ich mir jetzt wünsche, ist, dass wir alles, was wir vorhaben, auch verlässlich umsetzen, damit es bei den Kindern ankommt. Dann glaube ich, dass wir Kinder haben, die selbstverständlich Lesen, Rechnen und Schreiben können, die aber auch eine gute Selbststeuerung haben, die ein gut trainiertes Arbeitsgedächtnis haben und die Flexibilität gelernt haben. Wenn wir es geschafft haben, diese exekutiven Funktionen bei den Kindern auszubilden, dann haben wir zufriedene Kinder. Und dann haben wir ganz automatisch auch zufriedene Eltern. Und wenn Kinder und Eltern zufrieden sind, wird es schwer, als Team unzufrieden zu sein. Dann ist alles rund.